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Römische Barock-Baukunst

Borrominis Konzept: "Am Anfang war der Rhythmus"

Francesco Borromini (1599 - 1667), Architekt und Ingenieur, entwickelt unter allen barocken Architekten seiner Zeit den persönlichsten Stil, welcher die Architektur von Grund auf revolutioniert. Der Architekt ist seinen Zeitgenossen weit voraus. Von seinen Gegnern, den Klassizisten, wird Borromini als Anarchist aufs Schärfste bekämpft; sie bezeichnen seinen Stil als extravagant und bizarr. Sein großer Rivale Gian Lorenzo Bernini (1598 - 1680) sagt über ihn, daß er seine Proportionen auf Chimären aufbaue.

Wenn Borromini zu Lebzeiten auch meist im Schatten seines Rivalen steht, so wird er nach seinem Tod dereinst die gesamte europäische Baukunst beeinflussen.

Borromini ist Autodidakt und nennt seine Lehrer die Antike, die er als Ausgangspunkt wählt, Michelangelo, von dem er lernen will, und die Natur, welche er nachahmen will. Seine stolzen Worte "Chi segue altri non gli va mai innanzi" ("Wer anderen folgt, wird ihnen niemals voranschreiten"), ist in seinen Werken deutlich erkennbar. Der einfache Weg der Imitation ist nicht Borrominis Art und Weise. Ausgestattet mit großer Willenskraft will er Neues schaffen.

Dabei verzichtet er lieber auf sein Honorar, als sich den Vorstellungen seiner Auftraggeber unterzuordnen, um seine eigenen Ideen verwirklichen zu können. Der Borrominische Barockstil unterscheidet sich denn auch wesentlich von dem seiner Zeitgenossen.

Borrominis fundamentales Konzept ist der Rhythmus, welcher seine theoretische Grundlage als Gegenpol zu den klassischen Proportionen darstellt. Mit dem Rhythmus setzt der Architekt die ausgewogene Symmetrie der Rennaissance außer Kraft und befreit die Architektur aus ihrer klassischen Korsage, um sie durch eigene Lösungen zu ersetzen. Er revolutioniert die Architektur und erfindet eine neue, bewegte Architektur, bei der jegliche Statik überwunden wird.

Wie bei allen Architekten der Barockzeit ist auch Borrominis Ausgangspunkt die Antike und deshalb studiert er ihre Tempel. Die klassischen Elemente der Architektur, wie z. B. die Säulen, werden vom Architekten jedoch aus ihrem vorgeschriebenen Zusammenhang gelöst und je nach Bedarf umgearbeitet oder weiterentwickelt.

Zu den revolutionären Erfindungen Borrominis gehören vor allem die Schaffung eines neuen Raumes und die Auflösung der Wand als begrenzende Zone.

In Borrominis Sakralbauten erreicht die barocke Raumgestaltung ihre höchste Vollendung. Der Architekt schafft es, die einzelnen Raumteile so anzulegen, daß sich ein Element aus dem anderen ergibt bzw. daß sich die einzelnen Elemente genenseitig durchdringen. Dadurch wird Borrominis Raum elastisch und dehnbar, gleichsam flexibel, er weitet sich bis ins Unendliche aus. Der Baukörper greift so über sich hinaus, als scheine er zu atmen.

Die Bauwerke Borrominis gründen auf reine geometrische Formen wie den Kreis, die Ellipse und das Dreieck, welche jedoch nicht so einfach zu identifizieren sind wie bei den Renaissance-Architekten, da sie sich bei Borromini meist überschneiden bzw. ineinander überfließen.

Mit der neuen Raumgestaltung eng verbunden ist die andere Erfindung Borrominis: die Auflösung der Wand als träge Fläche. Borromini kreiert die gewellte Wand, wobei sich konkave und konvexe Bewegungen abwechseln bzw. ergänzen.

Die Wand-Auflösung kann auch durch spezielle Wandgliederungen erreicht werden, bei der die Wand praktisch nur noch als Gerippe besteht (z. B. bei der Kapelle der Re Magi).

Borromini bedient sich in seinen Räumen eines speziellen Lichteffektes, wodurch ein phantastischer Raum geschaffen wird. Der Architekt läßt in der Regel das Licht von ganz oben in seine Gebäude hereinfließen, durch in Deckennähe liegende Fenster. Dadurch wird eine direkte Sonnenstrahlung vermieden und es entsteht ein diffuses, weiches Licht, welches von den zumeist weißen Wandoberflächen reflektiert wird. Die so entstehende indirekte Beleuchtung läßt die Gegenstände ungewöhnlich plastisch erscheinen.

Charakteristisch für Borrominis Architektur ist eine absolute Freiheit im Erfinden, z. B. bei den Kapitell-Formen; die Anwendung der gebogenen Linie, denn sie stellt lebendige Körper dar; die Verwendung des durchbrochenen Giebels, um einem größeren Lichteffekt Raum zu verschaffen; die Vermeidung des rechten Winkels bei den Ecken, was in der Regel durch Abkantung oder Abschrägen erreicht wird bzw. durch in die Ecken gestellte Säulen; der Gebrauch seiner zugleich naturalistischen und abstrakten Dekorationen.

Der Architekt verwendet eine Vielzahl von Symbolen, wie Palmzweige, Sterne, deren Sinn meist noch unklar ist. Für Viele sind dies nur Spielereien, sie dürfen aber einen tieferen Sinn voraussetzen.

Charakteristisch für Borrominis Architektur sind weiterhin ein starker, an die gotische Architektur erinnernder Vertikalismus verschiedener Bauwerke, der manchmal noch dadurch unterstrichen wird, daß der Meister horizontale Elemente wie den Architraven und das Fries wegläßt.

Bezeichnend sind für Borromini auch die Umkehrung der Funktion der einzelnen Bauelemente. Z. B. einem einfachen Ornament teilt er eine tragende Rolle zu, während sonst übliche tragende Elemente wie Säulen oder Pilaster von ihm als rein dekorative Elemente eingesetzt werden.

Borromini verfolgt persönlich die genaue Ausführung seiner Bauwerke, welche eine übergroße technische Fertigkeit - die man als "virtuos" und "akrobatisch" bezeichnet hat - erfordern.

Anstatt mit Marmor und Intarsien zu arbeiten, verwendet der Meister oft bescheidenere Materialien wie den Ziegel, den Putz oder den Stuck, welche erst durch die menschliche Arbeit ihren Wert erlangen. Damit will er den Äußerlichkeiten seiner Zeit entgegenwirken, die nur die prunkvolle architektonische Schau à la Bernini für erachtenswert hält.

Borrominis Architektur repräsentiert weniger die Autorität der Kirche und des Staates, als vielmehr die Wünsche und Bedürfnisse des Individiums bzw. der Gemeinde. Dies ist auch ein Grund zur großen Verbreitung seines Baustils außerhalb Italiens, im Gegensatz zur konventionellen Barockarchitektur seiner Zeitgenossen.

Im Vergleich zu seinem Rivalen Bernini, der ein weltoffener Lebemann ist, gilt Borromini als verschlossener Mensch. Während Bernini seine künstlerischen Ideen schnell realisieren kann, entstehen sie bei Borromini erst nach langem Suchen und Perfektionieren. Bernini zielt auf eine Restauration eines idealen Klassizismus ab, Borromini dagegen strebt eine Umkehrung der klassischen Formen an.

Für Bernini ist die Architektur eine Inszenierung von prächtigen, sich ausdehnenden Räumen, welche den Betrachter überwältigen will, für Borromini dagegen bedeutet sie Kontraktion des Raumes, bei der das einfallende Licht auf einige wesentliche Dinge konzentriert werden soll.

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Anfänge

Francesco Castelli, der erst mit 28 Jahren den Nachnamen "Borromini" annimmt, wird am 27. September 1599 in Bissone am Luganer See in der Schweiz geboren. Sein Vater Giovanni Domenico ist Architekt und arbeitet u. a. für die Familie Visconti.

Dem Biographen Baldinucci zufolge verläßt Francesco 1608 sein elterliches Haus, um nach Mailand zu gehen, wo er als Steinmetz arbeitet. 1614 zieht er weiter nach Rom, wo er ein Leben lang tätig sein wird. In Rom wird er von seinem Onkel Leone Garogo, Chef der Steinmetze beim Bau von St. Peter, freundlich in dessen Haus am Vicolo dell'Agnello aufgenommen.

Nach Garogos Tod um 1620 arbeitet Francesco unter seinem Onkel mütterlicherseits, Carlo Maderno (1556 - 1629), welcher seit 1603 die Bauleitung für St. Peter übernommen hat. Unter ihm bekommt er auch größere Arbeiten zugeteilt und 1625 erscheint sein Name erstmals mit dem Beinanmen "Maestro". Die ersten Arbeiten Francescos sind die Cherubine an den großen Portalen im Innern des Portikus von St. Peter.

Als Maderno 1629 stirbt, übernimmt Bernini die Bauleitung der Peterskirche. Borromini, der seit 1628 erstmals mit diesem Namen auftritt, hat die Aufgabe, ihm bei der Fertigstellung des bronzenen BALDACHINS zu assistieren, zu dem Bernini von Papst Urban VIII (1623 - 1644) im Jahre 1624 den Auftrag erhält.

Gleichzeitig arbeitet er noch unter Bernini bis 1631 am Palazzo Barberini, wo anfangs auch noch Maderno beschäftigt ist.

Bernini und Borromini: Baldachin in St. Peter.

Der Anteil Borrominis an der Gestaltung des Baldachins ist ein sehr großer. Von ihm stammt vermutlich der obere Abschluß mit den dreifach-geschwungenen Voluten, ein Motiv, das später immer wieder bei ihm auftauchen wird. Doch beim Baldachin ergeben sich die ersten Streitigkeiten zwischen den beiden Architekten, denn Bernini erhält zehnmal so viel Geld wie Borromini und macht ihm darüber hinaus eine Reihe von Versprechungen, die nicht eingehalten werden. 1633 scheidet Borromini deshalb aus dem Arbeitsverhältnis mit Bernini aus. Der Baldachin wird im gleichen Jahr enthüllt.

Das erste autonome Werk Borrominis sind Kirche und Kloster von SAN CARLO ALLE QUATTRO FONTANE des spanischen Trinitarierordens, das erste bedeutende Beispiel für eine barocke Raumgestaltung, eines der Hauptwerke des Meisters und zugleich der ausgereiften Barockarchitektur.

Der Kreuzgang, das Kloster und die Kirche werden zwischen 1635 und 1641 errichtet, die Fassade der Kirche wird erst 1665 begonnen und nach dem Tode des Architekten 1682 beendet.

Borromini weiß den begrenzten Raum, der ihm für die Realisierung seines Projekts zur Verfügung steht, gut auszunutzen und schafft einen stark vertikal ausgerichteten Gebäudekomplex. Allgemein kann man alle Charakteristika der borrominischen Kunst bereits in diesem Frühwerk gut erkennen.

Zunächst wird der Kreuzgang (1635 - 1636) errichtet. Er präsentiert einen rechteckigen Grundriß, dessen Ecken konvex gestaltet sind - eine typische Eigenart des Meisters - und zwei Säulenordnungen. Die Balustraden im ersten Stock zeigen eine weitere Eigenart des Architekten, nämlich die Bauchung der Baluster einmal nach oben und einmal nach unten gewandt, wodurch ein schöner Hell - Dunkel - Effekt entsteht.

San Carlo alle Quattro Fontane: Kreuzgang.
Photo: Gabriele Pasch.

Die Kirche wird zwischen 1638 und 1641 erbaut und zeigt eine räumliche Einheit, die sehr komplex ist. Der Grundriß präsentiert eine verlängerte Ellipse und ist auf geometrischen Grundformen aufgebaut, welche sich aus der Kombination von zwei Kreisen mit zwei gleichseitigen, aneinander liegenden Dreiecken, ergibt. Die in der Renaissance übliche Grundrißbildung, wobei eine Aneinanderreihung eines geometrischen Elements an das andere erfolgte, ist hier völlig aufgegeben.

San Carlo alle Quattro Fontane: Grundriß Kirche.
Aus Wilfried Hansmann "Baukunst des Barock", Köln 1978.

Im Inneren zeigt die geschwungene Linie des längsgerichteten Ovals eine einzige Säulenordnung mit 16 weißen, in die Wand eingebetteten, Säulen und ein ebenso geschwungenes, durchgehendes Kranzgesims.

San Carlo alle Quattro Fontane. Innenansicht.

Die Kuppel hat keinen Tambour und ruht auf Pendentifs. Bei ihr versteht man erst richtig, wie bei Borromini ein Element aus dem anderen erwächst. Die Konchen, welche sich über dem Hauptaltar und über den seitlichen Nebenaltären oberhalb des Kranzgesimses erheben, bilden mit ihrem oberen Rand die Basis zu der Kuppel. Letztere hat eine Dekoration aus Achtecken, Sechsecken und griechischen Kreuzen, die sich zum Zentrum, der Laterne, hin bewegen und sich dabei perspektivisch verkleinern. Dadurch wird eine größere Kuppelhöhe als tatsächlich gegeben vorgetäuscht und die vertikale Tendenz der Kirche erst richtig betont. Durch das von oben einfallende Licht scheint es, als schwebe die Kuppel frei im Raum.

San Carlo alle Quattro Fontane: Kuppel.
Photo: Gabriele Pasch.

Die Fassade der Kirche wird erst 1665 in Angriff genommen. Ihre gewellte Form, die abwechselnd konkav und konvex ausschwingt, kann als Ausdehnung des inneren Raumes aufgefaßt werden.

Zwei gleichgroße Säulenordnungen teilen die Fassade in drei Abschnitte ein. Der untere Teil präsentiert vier Säulen mit Phantasiekapitellen und drei Nischen mit Heiligenfiguren. Im oberen Teil wird das Säulensystem wiederholt. Das konvex gestaltete Fenster über dem Eingang vermittelt zwischen dem konvexen Mittelteil der unteren Ordnung und dem konkaven der oberen.

Die Fassade wird von einem großen Oval bekrönt, das von zwei Engeln emporgehalten wird. Darin befand sich einst ein Mosaik mit der Heiligen Dreifaltigkeit.

Beim Tode Borrominis 1667 ist erst der untere Teil der Fassade vollendet. Der Glockenturm wird bis 1670 von Bernardo Borromini (1643 - 1709), dem Neffen des Meisters, errichtet.

San Carlo alle Quattro Fontane: Fassade.

San Carlo alle Quattro Fontane erregt sofort großes Aufsehen und Borromini wird schlagartig berühmt. Von überall verlangt man Risse von der Kirche, sogar von Indien.

Im Jahre 1637 erhält der Architekt den Auftrag, das ORATORIUM und die CASA DEI FILIPPINI zu erbauen. Das ganze Prokekt zieht sich bis 1643 hin; dann wird nach vierjähriger Unterbrechnung der Flügel zum Monte Giordano mit dem Uhrenturm vollendet (1647 - 1649). Das Oratorium wird eingehend in dem 1648 verfaßten, aber erst 1725 veröffnentlichten Opus Architectonicum des Meisters beschrieben.

Die Fassade des Oratoriums ist Borrominis früheste. Sie schwingt konkav aus, womit sie mit der städtischen Umgebung in Beziehung tritt. Der Architekt stellt sich dabei den menschlichen Körper vor, der die Arme ausgebreitet hält um jeden, der eintritt, zu empfangen.

Oratorio dei Filippini: Fassade und Mittelfenster der Fassade.
Aus Paolo Portoghesi "Borromini nella cultura europea", Bari 1982.

Die Fassade unterteilt sich in zwei Säulenordnungen, wobei der Architekt erstmals die Kolossalordnung anwendet. Die konkave Nische des ersten Stockwerks kontrastiert mit dem konvex gestalteten Eingang des Erdgeschosses. Die Ornamente sind kapriziös und wirken bisweilen antiklassisch, vor allem bei den Kapitellen der unteren Säulenordnung, welche eine eigene Formensprache aufweisen mit ihrer vereinfachten ionischen Ordnung. Die Baluster im Mittelteil präsentieren wieder die gewohnte Abwechslung mit der Bauchung einmal nach unten und einmal nach oben. Viele Details der Fassade werden sich in der spätbarocken Architektur wiederfinden, wie z. B. der geschwungene Giebel.

Oratorio dei Filippini: Innenraum.
Aus C. Norberg-Schulz "Architettura barocca", Mailand 1979.

Im Innern hat das Oratorium eine zweiachsige Form, die einerseits durch den auf der Hauptachse gelegenen Hauptaltar gegeben ist und andererseits durch den auf der Querachse liegenden Eingang. Der Raum wird von einer Reihe von großen Pilastern beherrscht, welche im Deckenbereich in einer rippenartigen Struktur fortgeführt werden. Die rechten Ecken sind auch hier wieder vermieden durch die Diagonalstellung der Pilaster.

Im Jahre 1632 wird Borromini, als er noch unter Bernini am Baldachin arbeitet, zum Architekten der Sapienza, der Sitz der römischen Universität, ernannt. Es ist das einzige Versprechen, was der Rivale hält, um sich die wichtige Zusammenarbeit mit Borromini zu garantieren. Jedoch erst zehn Jahre später werden die Arbeiten beginnen, als sich beide Architekten längst aus dem Wege gehen. Und so entsteht zwischen 1642 und 1650 das kühnste Bauwerk des gesamten Barockzeitalters, das auch allgemein als das Hauptwerk des Meisters betrachtet wird, die Kirche SANT'IVO ALLA SAPIENZA.

Die Kirche ist eine einzige aufsteigende Bewegung zur Weisheit, begleitet von einem unglaublichen Rhythmus. Sie wird ob ihrer technischen Kühnheit keine direkte Nachahmung erfahren.

Die ersten Entwürfe zur Kirche stammen möglicherweise aus den Jahren um 1632, als Borromini den Auftrag zur Errichtung der Kirche bekommt. Somit wären sie zeitgleich mit San Carlo alle Quattro Fontane.

Die Situation macht es erforderlich, daß Borromini einen Zentralbau dem hinteren Teil eines bereits bestehenden Hofes von Giacomo della Porta (um 1540 - 1602) einverleibt.

Der Grundriß zeigt einen sechseckigen Stern bzw. zwei sich überschneidende Dreiecke, bei dem sich halbrunde Nischen mit trapezförmigen abwechseln. Mit diesem seltsamen Grundriß will Borromini möglicherweise auf die Biene, das Wappentier der Familie Barberini, aus der Papst Urban VIII stammt und welcher den Kirchenbau angeregt hat, anspielen.

Sant'Ivo alla Sapienza: Grundriß.
Aus "Opus Architectonicum", Rom 1720.

Die revolutionäre Idee des Architekten besteht darin, den Grundrißentwurf erst in den Aufriß und von da weiter in die Kuppel zu übertragen. Im Inneren werden die Wände durch ein Gerüst von korinthischen Pilastern, Nischen und Apsiden gegliedert. Ein starkes Gebälk trennt den unteren Raum von der Kuppel.

Sant'Ivo alla Sapienza: Innenansicht.
Aus "Opus Architectonicum", Rom 1720.

Die Kuppel ist in sechs Abschnitte geteilt. Von den Ecken des unteren Raumes steigen Rippen - einstmals von goldenen Sternen flankiert, heute jedoch weiß getüncht - vertikal nach oben zum unteren Rand der Laterne. Diese zeigt in ihrem Zentrum die Taube des Heiligen Geistes, von welcher Strahlen und Flammen ausgehen.

Sant'Ivo alla Sapienza: Kuppel.
Aus G. C. Argan "Borromini", Mailand 1955.

Die Fassade übernimmt die zweistöckige Gliederung des bereits bestehenden Hofes und schwingt konkav aus. Über ihr erhebt sich der hohe Tambour mit einer konvexen und wellenförmigen Gestalt. Die Bewegung setzt sich nach oben fort in der Kuppel, welche durch sechs Stützpfeiler an die hohe Laterne gebunden wird.

Sant'Ivo alla Sapienza: Fassade.

Letztere bildet mit ihren konkaven Seiten einen Kontrast zur Kuppel und endet mit der phantasievollen Spirale, deren scheinbar nie endende Bewegung oben in der Kugel und dem Kreuz gipfelt.

Sant'Ivo alla Sapienza: Laterne.

Sant'Ivo scheint mit seiner nach oben strebenden Bewegung den Raum und die Materie zu durchschneiden, wobei die Kuppel und besonders die Laterne ihre traditionelle Bedeutung als statische Bedeckung verlieren. Mit ihrem starken Vertikalismus macht die Kirche in der Tat einen "gotischen" Eindruck, und so wirkt sie auch auf ihre Zeitgenossen.

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Das Pontifikat Innozenz' X

Mit dem Tode Papst Urbans VIII im Jahre 1644 sinkt der Stern Berninins als führender Architekt Roms. Der neue Papst Innozenz X Pamphili (1644 - 1655) ist Borromini zugeneigt und läßt ihm in den kommenden Jahren die wichtigsten Aufträge zukommen. Darunter befindet sich auch der Bau seines Familienpalastes, des Palazzo Pamphili, an der Piazza Navona.

Zunächst bringt Borromini die Glockenturm-Affäre gegenüber seinem Rivalen Bernini einige Genugtuung. Bernini hatte nämlich 1638 damit begonnen, an der Fassade zu St. Peter, welche ob der Anfügung von Carlo Madernos Langhaus die gewaltige Kuppel des Michelangelo zu weit in den Hintergrund gerückt hat, einen der beiden vorgesehenen Glockentürme zu errichten. Das Berninische Projekt soll mit dem Bau der Glockentürme die Kuppel Michelangelos sozusagen einrahmen und optisch wieder mehr in den Vordergrund rücken.

Im Jahre 1644, kurz nach dem Tode Urbans VIII, zeigt sich beim Bau jedoch ein Riß in der Fassade des Petersdoms, so daß ein Einsturz befürchtet und der Weiterbau gestoppt wird. Innozenz X läßt eine Prüfungskommission einberufen, um die Ursache dafür zu klären, wobei Borromini als Sachverständiger herbei zitiert wird, um ein Urteil über den Stand der Dinge zu geben.

Laut Borromini sind die viel zu schwachen Fundamente der Fassade des Doms nicht dafür vorgesehen, einen schweren Aufbau zu ertragen. Bernini hätte also die Fundamente mit der Fassade erst verstärken müssen, um seine Türme dann darauf setzen zu können. Borromini liefert ebenfalls Zeichnungen mit neuen, leichteren Glockentürmen, welche aber niemals zur Ausführung gelangen. Jedenfalls verfügt der Papst 1646, daß der begonnene Turm abgetragen wird und belegt Bernini mit einer hohen Geldstrafe.

Der größte päpstliche Auftrag Borrominis in diesen Jahren ist die Restauration der Kirche SAN GIOVANNI IN LATERANO, die zweitgrößte Kirche nach dem Petersdom, den er 1646 erhält. Alle Gebäude, welche der Meister bis dahin errichtet hat, haben relativ kleine Dimensionen und so gibt uns die Lateransbasilika eine Vorstellung, wie der Architekt eine große Kirche in Angriff nimmt.

Das Projekt läßt ihm jedoch keine große Wahl, denn die alte Kirche soll soweit wie möglich in ihrer Grundstruktur erhalten bleiben und außerdem soll sie bis zum Jubiläumsjahr 1650 fertig sein.

San Giovanni in Laterano: Allgemeine Innenansicht und Detail mit Apostel-Nischen.
Photos: Gabriele Pasch.

Borromini erneuert im Wesentlichen das Langhaus mit den Seitenschiffen. Dabei faßt er die doppelten Säulen der alten Kirche in Pilaster der kolossalen Ordnung zusammen und fügt zwischen jedem zweiten Pilasterpaar eine Nische ein. Die Ecken der Eingangsseite vermeiden wieder den rechten Winkel, indem ihre Nischen diagonal gestellt werden.

Letztere sind bestimmt, die zwölf Apostel aufzunehmen - welche erst zu Beginn des 18. Jhs. dort aufgestellt werden - und fallen besonders wegen ihrer vorkragenden Sockel und Baldachine auf. Die Nischen präsentieren sich als selbständige Rundtempelchen und bilden einen lebhaften Kontrast zu den großen Öffnungen der Langhauswände.

Borromini hätte die Decke des Langhauses gerne mit einer eigenen Wölbung überzogen, jedoch ist dieses Projekt zu teuer und deshalb hat die Kirche noch die Kassettendecke von 1564. Aus diesem Grund erscheint das ganze Langhaus etwas uneinheitlich.

Weniger uneinheitlich erscheinen die Seitenschiffe, welche kleine zentrale Einheiten darstellen und als Folge von Baldachinen aufgefaßt werden. Die Fassade der Kirche wird erst 1735 durch Alessandro Galilei (1691 - 1737) im klassischen Stil errichtet.

Im Jahre 1652 wird Borromini vom Papst geehrt und in den Ritterstand erhoben.

Die Kirche SANT'AGNESE IN AGONE auf der Piazza Navona ist das letzte Bauwerk, was Innozenz Borromini 1652 überträgt. Die Kirche ist bereits von Girolamo Rainaldi (1570 - 1655), der die ersten Entwürfe liefert, und seinem Sohn Carlo (1611 - 1691) begonnen worden, so daß der Architekt kein vollkommen neues Gebäude entwerfen kann.

Sant'Agnese: Fassade und Grundriß.
Aus Martin Raspe "Das Architektursystem Borrominis", München 1994 und Norberg-Schulz.

Jedoch gefällt dem Papst das Projekt der Rainaldis, was immerhin schon bis zur Fassade und dem Portikus vorangeschritten ist, nicht und entläßt sie aus der Baustelle. Borromini gestaltet die Kirche völlig um, indem er außen fast alles wieder niederreißt und das Innere neu gestaltet.

Der Architekt errichtet die Fassade bis zum Hauptgebälk neu sowie die Kuppel ohne die Laterne. Im Innern werden Pilaster und Säulen bis zur Kapitelhöhe vollendet.

1655 stirbt Papst Innozenz und der Kirchenbau wird zunächst unter seinem Neffen Camillo Pamphili weitergeführt. Einige Unstimmigkeiten zwischen diesem und Borromini führen 1657 dazu, daß der Architekt, bevor noch die Laterne auf die Kuppel gesetzt werden kann, aus der Baustelle entlassen wird. Carlo Rainaldi wird wieder zurückgeholt, der die Pläne Borrominis nochmals abwandelt - z. B. werden die beiden Glockentürme höher gestaltet - und die Laterne nach seinen eigenen Entwürfen errichtet.

Später werden noch andere Architekten, darunter auch Bernini, herangezogen, um Sant'Agnese zu vollenden. Erst 1672, fünf Jahre nach Borrominis Tod, wird die Kirche geweiht.

Sant'Agnese dominiert die Piazza Navona. Sie war ursprünglich ein reiner Zentralbau, dem aber durch Borrominis Eingriff eine Längsachse einverleibt wird. Mit ihrer Fassadengliederung orientiert sie sich stark an St. Peter. Die Idee zu Girolamo Rainaldis Portikus, der von Borromini wieder abgerissen wurde, lebt weiter in der Relief-Kolonnade, welche Borromini der Fassade vorblendet. Dabei läßt er die Fassade zugleich - anders als bei Rainaldi vorgesehen - konkav einschwingen. Die Kirche tritt durch dieses konkave Schwingen in eine enge Beziehung zur Piazza Navona.

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Die letzten Jahre

Die Entlassung aus der Baustelle von Sant'Agnese bedeutet für Borromini eine der ersten großen Enttäuschungen seiner letzten Jahre, die schließlich zu seinem tragischen Tod führen sollen. Schon die nicht ausgeführte Kuppel von San Giovanni in Laterano war ein großer Rückschlag für den Meister gewesen.

Bereits 1646 war Borromini zum Architekten des COLLEGIO DI PROPAGANDA FIDE ernannt worden. Nach den ersten Entwürfen des Meisters im Jahre 1647 wird mit dem Bau des Kirchenpalastes 1652 begonnen, 1656 ist er im Rohbau fertig. Das ganze Bauprojekt zieht sich bis zur endgültigen Fertigstellung bis nach dem Tode Borrominis hin.

Collegio di Propaganda Fide: Fassade.
Aus C. Norberg-Schulz.

Der große Palastkomplex präsentiert sich wie ein einheitlicher Block dank seiner abgerundeten Ecken. Die Fassade zur Via di Propaganda Fide ist das Werk Borrominis, während die Fassade zur Piazza di Spagna 1644 nach dem Entwurf von Bernini gestaltet wurde, welcher im Innern auch die 1636 errichtete Kapelle der Re Magi erbaut hat.

Die Fassade zur Via Propaganda Fide befindet sich in einer engen Straße, welche zur Schrägansicht zwingt. Sie ist durch Kolossalpilaster gegliedert, welche an den Enden und in der Mitte zum Eingang hin schräg gestellt sind. Ihre Kapitelle zeigen wieder den borrominischen Einfallsreichtum, denn sie sind aus den Triglyphen des dorischen Tempels abgeleitet. Im ersten Stock öffnen sich große nischenartige Fenster zwischen den Pilastern.

Im Jahr 1660 läßt Borromini die Kapelle der Re Magi von Bernini komplett wieder abreißen und ersetzt sie durch seine eigene Schöpfung, welche 1664 im Rohbau beendet ist. Seine Kirche zeigt wieder einen zweiachsigen Grundriß mit abgerundeten Ecken. Die Wände werden durch Kolossalpilaster gegliedert, deren Kapitelle mit Cherubinen verziert sind. Zwischen den Pilastern befinden sich überall Nischen und über ihnen Fenster, so daß die Wand praktisch aufgelöst ist und nur noch als Gerüst besteht.

Kapelle der Re Magi im Collegio di Propaganda Fide: Innenansicht und Decke.
Aus C. Norberg-Schulz.

Die Pilaster setzen sich in der Decke fort mit rippenartigen Strukturen, welche diagonal verlaufen und einen "gotischen" Eindruck vermitteln, zu dem auch der starke Vertikalismus der Kapelle beiträgt.

Eines der letzten Werke Borrominis sind die unvollendeten Arbeiten an der Kirche SANT'ANDREA DELLE FRATTE. 1653 erhält der Meister von der Familie Del Bufalo den Auftrag, den unvollendet gelassenen Bau des Architekten Gaspare Guerra, bei dessen Tod im Jahre 1622 nur das Langhaus bis zur Vierung vorangeschritten war, weiterzuführen. Borromini soll ein Querhaus, eine Apsis und eine Kuppel anfügen. Während der Glockenturm 1659 vollendet wird, bleibt der Tiburio im Rohbau unvollendet.

Im Innern wird alles in einer konventionellen Weise weitergeführt, dagegen schafft Borromini mit der Kuppel ein ganz originelles Werk. Der Tambour und die Halbkugel verschwinden völlig in einem Wandgeschoß. Dabei werden vier konkav ausschwingende Fassaden gebildet, die von Strebepfeilern eingerahmt werden. In der Mitte der Fassaden wölbt sich ein konvexer Mittelteil mit einem Fenster darin vor. Eine Laterne ist vom Architekten nicht beabsichtigt. Der Eindruck des Unvollendeten wird dadurch hervorgerufen, daß der Verputz fehlt und man bis heute die groben Ziegel sieht.

Sant'Andrea delle Fratte: Außenansicht mit Kuppel und Glockenturm.
Aus Portoghesi.

Der Glockenturm, der ganz unverbunden neben der Kuppel steht, ist eins der phantasievollsten Gebilde Borrominis. Er besteht aus einer Reihe übereinander gesetzter zentralisierter Baukörper, welche mit jedem Stockwerk ihren Durchmesser verringern. Der Turm beginnt auf einem quadratischen Unterbau, dann folgt ein ebenfalls quadratisches Stockwerk, dessen Kanten vier übereck stehende Säulen bilden, so daß man vier Fassaden vor sich hat, die darüber hinaus an jeder Seite eine türähnliche Nische präsentieren.

Das nächste Stockwerk hat die Form eines Rundtempels mit acht Säulen auf hohem Stylobat, welche das mächtige Gebälk tragen. Das letzte Stockwerk wird von vier Paaren großer Engelshermen beherrscht. Das bekrönende Gebilde des Turms kann als Gefäß, vielleicht eine Urne, interpretiert werden. Denn die Familie Del Bufalo hat das Recht, in Sant'Andrea delle Fratte begraben zu werden und daher begreift der Architekt die Kirche möglicherweise als monumentales Mausoleum.

Borromini heiratet nie. Er ist ein tief religiöser Mensch, der dem Menschen eher abgeneigt erscheint und der Seneca verehrt. Von seinen Zeitgenossen wird er als stolz und jähzornig beschrieben.

Im Sommer 1667 erkrankt er plötzlich und als er in seiner Niedergeschlagenheit nach einem Licht verlangt, was man ihm aber verweigert, ersticht er sich in einem zornigen Wutausbruch mit seinem Degen. Der Todesstoß mißlingt zunächst, aber am nächsten Tag, dem 3. August 1667, erliegt er seinen Schmerzen, nachdem er einen Augenblick seine Ruhe wiedergefunden und gebeichtet hat. Seinem letzten Willen gemäß wird er in der Kirche San Giovanni dei Fiorentini beigesetzt, an der Seite seines Onkels Carlo Maderno.

Die Beisetzung erfolgt ohne Priester und Trauergäste, da beides bei Selbstmord in der Heiligen Römischen Kirche nicht vorgesehen ist. Erst 1993, 326 Jahre nach seinem Tod, wird Borromini durch einen päpstlichen Beschluß rehabilitiert.

Der Einfluß Borrominis auf die Nachwelt beginnt erst richtig nach seinem Tod. Zu Lebzeiten kommt er seinen Zeitgenosen mit seinen merkwürdigen Ideen wie ein "Futurist" vor. Einige Architekten benutzen seine Formensprache, ohne ihren revolutionären Gehalt zu verstehen. Erst durch den in Turin wirkenden Architekten Guarino Guarini (1624 - 1693) wird die von Borromini eingeleitete Entwicklung der Barockarchitektur nach Europa gebracht. Borrominis Stil wirkt vor allem auf die Länder nördlich der Alpen und beeinflußt spätbarocke Architekten wie Bernhard Fischer von Erlach (1656 - 1723), Lucas von Hildebrandt (1668 - 1745) und Balthasar Neumann (1687 - 1753).

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Bibliographie

Quellen:

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"Opera del Caval. Francesco Boromino. Cavata dai suoi originali, cioè la chiesa e fabrica della Sapienza di Roma", Rom 1720.

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Paolo Portoghesi:
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